Der Stein geriet ins Rollen
Der Notfallhund
Die Hundeschule
Zwei Schlüssel in sein Leben
Und dennoch, ich konnte machen, was ich wollte; rief ich ihn, kam er nicht. Geschweige denn, dass er zu mir herübersah. Keine Chance. Sechs Monate waren inzwischen vergangen, stellten wir dann endlich fest, dass er taub war. Wie sollte er mich da hören können? An die Empfehlungen der Hundeschule darf ich gar nicht denken. Endlich fiel uns noch ein weiterer Schlüssel zu Rocos Tür in die Hände, und wir lernten über die Körpersprache miteinander zu kommunizieren. Zusammen mit einer lieben Freundin und ihren beiden Hunden kam dann auch das Spielen. Die Verständigung klappte immer besser, und in der Tat setzte auch Roco die Körpersprache so ein, dass ich ihn besser verstehen konnte. Das Vertrauen konnte endlich wachsen, und die Ängste wurden weniger.
Auffälliges Verhalten beim Hund ist oft mehr als nur ein Trainingsthema. Hinter Unsicherheit, Ängsten, Unruhe oder Aggression können gesundheitliche Ursachen stehen, die erkannt und berücksichtigt werden müssen.
Denn ein Körper, dessen Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, beeinflusst auch Verhalten, Wohlbefinden und Lebensqualität. Deshalb habe ich meine medizinischen Wurzeln weiter ausgebaut und mich zur zertifizierten Tierheilpraktikerin ausbilden lassen. Dadurch konnte ich mein Repertoire entscheidend erweitern: Neben der Verhaltensberatung fließen heute auch ganzheitliche Gesundheitsaspekte, naturheilkundliche Ansätze und die Suche nach möglichen körperlichen Ursachen in meine Arbeit ein.
So betrachte ich jeden Hund als Ganzes – mit all seinen individuellen Bedürfnissen,
Herausforderungen und Ressourcen.
Seit mittlerweile sechs Jahren begleiten mich zwei ganz besondere Hunde aus dem Tierschutz: Elna (weiß) und Pepsi. Beide stammen von der Straße, beide tragen ihre eigene Geschichte in sich – und beide haben mein Leben auf ihre ganz eigene Weise bereichert.
Nach dem Tod meines Seelenhundes Roco zog vier Monate später Pepsi bei mir ein. Kennengelernt hatte ich ihn viele Jahre zuvor während eines Besuchs bei einer Freundin in Bulgarien, die sich mit viel Herzblut um Straßenhunde kümmerte. Damals war Pepsi gerade einmal acht Monate alt – ein lustiger, frecher und unglaublich charmanter Jungspund, der es liebte, uns das Werkzeug zu stibitzen und mit seiner unbekümmerten Art zum Lachen zu bringen. Anfassen ließ er sich nur von meiner bulgarischen Freundin, die ihn als Welpe rettete und von mir.
In den darauffolgenden dreieinhalb Jahren fanden viele Hunde ein liebevolles Zuhause. Nur für Pepsi meldete sich nie jemand. Als er schließlich vier Jahre alt war, durfte er bei mir einziehen.
Doch aus dem unbeschwerten Junghund war inzwischen ein Hund geworden, der aufgrund unglücklicher Umstände lange Zeit im Zwinger hatte leben müssen. Die Folgen waren deutlich sichtbar: Pepsi hatte viele Ängste entwickelt und war für mich in gewisser Weise ein Überraschungspaket. Ich wusste nicht, wie sehr ihn diese Zeit geprägt hatte und welche Herausforderungen auf uns warten würden. Aber über eines war ich mir sicher: Er wusste, wer ich war. Das half mir in den kommenden Monaten immer mehr Vertrauen aufzubauen. Er hatte Angst vor Männern, alle Geräusche im Haus (z.B. Fernseher und Radio), das künstliche Licht im Haus sowie jeder Schatten auf dem Boden oder an den Wänden. Oft suchte er tagsüber Schutz in seiner Box und nachts holte er sich meine Kleidung aus dem Badezimmer. Die Tür zum Badezimmer ließ ich absichtlich geöffnet. So musste er sich im Haus bewegen, aus seiner Box herauskommen, und natürlich durfte er sich meine Socken, meinen Pulli oder meine Socken holen. Die ersten Gassigänge waren nur möglich, wenn er sein Halsband in der Schnauze tragen konnte.
Gemeinsam haben wir uns auf den Weg gemacht. Schritt für Schritt, in seinem Tempo. Heute blicken wir auf viele überwundene Ängste, kleine und große Erfolge und eine Beziehung zurück, die von Vertrauen, Geduld und gegenseitigem Lernen geprägt ist. Er hat sehr viel Zeit gebraucht, um wieder der freche und lustige Pepsi zu werden.
Eine wertvolle Unterstützung auf diesem Weg war Elna. Die ehemalige Straßenhündin aus Griechenland kam mit ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte zu mir. Sie überlebte die dramatischen Ereignisse des verheerenden Sturms von 2019, bei denen viele Menschen ihr Leben verloren.
Als Elna einen Monat nach Pepsis Einzug zu uns kam, befand sie sich in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand. Die Jahre auf der Straße hatten ihre Spuren hinterlassen. Ihr Körper war geschwächt, und es brauchte Zeit, Geduld und die richtige Unterstützung, um sie wieder aufzubauen. Gemeinsam haben wir diesen Weg gemeistert. Mit jeder Verbesserung ihrer Gesundheit gewann sie auch mehr Lebensfreude, Kraft und Selbstvertrauen zurück. Wobei sie von Beginn an ein Sonnenschein war und ein großes Herz für Pepsi hatte. Zu erleben, wie eng körperliches Wohlbefinden und Verhalten miteinander verbunden sind, war eine prägende Erfahrung.
Heute zeigt Elna jeden Tag aufs Neue ihre besondere Stärke. Sie vereint Sensibilität, Lebensfreude, Mut und eine beeindruckende Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig besitzt sie eine ruhige Souveränität, die besonders Pepsi geholfen hat, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden und Vertrauen zu fassen.
Elna und Pepsi könnten unterschiedlicher kaum sein – und doch haben sie eines gemeinsam: Beide tragen die Erfahrungen ihrer Vergangenheit in sich. Sie haben mich gelehrt und darin bestätigt, dass wir noch genauer hinsehen müssen, wie wichtig Geduld ist, dass Verhalten und Gesundheit voneinander abhängig sind und jeden Hund als Individuum zu betrachten.
Ihre Geschichten haben meinen Blick auf Hunde nachhaltig geprägt. Sie erinnern mich jeden Tag daran, wie viel Mut, Anpassungsfähigkeit und Vertrauen in ihnen steckt. Sie haben mein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Emotionen und Verhalten vertieft und damit auch meinen beruflichen Weg beeinflusst.
Für all das, was ich durch sie lernen durfte, bin ich unendlich dankbar. Ich möchte keinen von beiden missen.
Erkenntnisse
Durch meine Hunde und die Besuche im Ausland habe ich sehr viel gelernt und viele Erkenntnisse gewonnen. Vor allem aber habe ich gelernt, dass es immer auf den Menschen ankommt, ob sich eine harmonische Kommunikation zwischen Hund und Mensch entwickeln kann. Es heißt doch: “Du bekommst den Hund, den du brauchst!” oder “Tiere spiegeln ihre Menschen.” An diesen Aussagen ist etwas Wahres dran!
Natürlich können sich Hunde unserem Leben anpassen. Gilt nur die Frage zu berücksichtigen, sind sie mit unserem Leben oder mit unserer Art zu leben wirklich glücklich? Wenn wir Stress oder Probleme mit der Arbeit haben, Krankheit oder mit was auch immer. Vielleicht hat der Mensch einen hektischen Haushalt, Kinder und regelmäßig viel Besuch? Es gibt Lebensumstände, die ein Hund ertragen muss. Könnten sie aber ihre Koffer packen, würden sie vielleicht ausziehen. Dann gibt es die Hunde, die durch ihr Verhalten zeigen, dass etwas in ihrem Umfeld nicht stimmt. Und dann gibt es noch diese, die krank werden. So viele Möglichkeiten sich auszudrücken haben Hunde ja nicht.
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