Das fehlende Puzzleteil

Es gibt Hausbesuche, an die ich immer mal wieder denke. Nicht, weil die Lösung besonders kompliziert war. Sondern weil sie mich daran erinnert haben, wie wichtig es ist, zunächst nur zu beobachten.
Eines Tages erhielt ich einen spontanen Anruf. Eine Hundehalterin bat mich um Hilfe. Es gebe Probleme mit ihren Hunden und sie wisse nicht mehr weiter. Mehr erfuhr ich zunächst nicht. Also machte ich mich auf den Weg. Als ich das Haus erreichte und klingelte, hörte ich Hunde bellen. Von drinnen rief mir die Halterin zu, dass sie die Haustür nicht öffnen könne. Ich müsse über die Küche hereinkommen. Der Weg führte über einen Balkon. Also kletterte ich über den Balkon und blieb einen Moment stehen.

Ich wusste weder, wie viele Hunde mich erwarteten, noch welche Rassen dort lebten oder worum es eigentlich ging. Dann erschien der erste Hund. Eine Dogge. Sie kam ruhig auf mich zu, beschnupperte mich freundlich und blieb einfach neben mir stehen. Kurz darauf folgte ein weißer Schäferhund. Dann drei kleine Hunde.Langsam trat ich in die Küche.

Die Hunde waren etwas aufgeregt, aber keiner bedrängte mich. Keiner zeigte aggressives Verhalten. Wir begrüßten uns und verlegten unser Gespräch auf die Terrasse. Während wir uns unterhielten, blieb die Dogge die ganze Zeit bei mir und ließ sich entspannt streicheln. Der Schäferhund und die drei kleinen Hunde legten sich ruhig ab. Wenig später schliefen sie. Erst jetzt erzählte mir die Halterin, weshalb sie mich überhaupt kontaktiert hatte. Ausgerechnet die Dogge – der Hund, der die ganze Zeit ruhig neben mir gesessen hatte – sollte immer wieder die anderen Hunde im Haushalt angreifen und auch auf manche Menschen aggressiv reagieren. Bis vor etwa einem halben Jahr sei das völlig anders gewesen.

Nach einiger Zeit zog sich auch die Dogge zurück und legte sich schlafen. Zwei Stunden verbrachte ich dort. In dieser Zeit wartete ich auf das Verhalten, wegen dem ich eigentlich gerufen worden war. Doch es passierte… nichts. Ich schaute noch einmal zur schlafenden Dogge hinüber. Sie passte so gar nicht zu der Beschreibung.

Im Laufe des Gesprächs erzählte die Halterin von einem Erlebnis, das mir allerdings im Gedächtnis blieb. Bei einem Spaziergang war plötzlich ein großer schwarzer Hund ohne Begleitung direkt auf sie zu gerannt. Sie selbst erschrak. Ihre Dogge dagegen blieb vollkommen ruhig. Sie stellte sich lediglich seitlich vor ihre Halterin und sah zu dem fremden Hund. Keine Leinenaggression. Kein Bellen. Keine Hektik. Nur ein ruhiger Blick. Der fremde Hund blieb sofort stehen, drehte um und verschwand. Mich beeindruckte diese Gelassenheit. Diese Dogge wirkte nicht wie ein Hund, der Konflikte suchte.

Im Gegenteil. Sie war unglaublich klar. Sie schien Situationen sehr bewusst einzuschätzen. Als ich nach Hause fuhr, hatte ich trotzdem keine Antwort für ihr Verhalten. Irgendetwas fehlte. Ein kleines Puzzleteil. Eine Information, die wichtig ist, fehlte. Ich ging den gesamten Hausbesuch und das Gespräch immer wieder im Kopf durch. Ich hatte nach allem gefragt. Auch, ob es irgendwelche Veränderungen oder einschneidende Ereignisse gegeben hatte. Das ruhige Verhalten der Hunde. Die entspannte Atmosphäre während meines Besuchs. Die souveräne Reaktion der Dogge beim Spaziergang. Und trotzdem die Schilderungen ihrer Menschen, die Dogge sei aggressiv und schwer zu kontrollieren. Es passte nicht zusammen.

Am nächsten Tag bat ich die Halterin noch einmal zu einem gemeinsamen Spaziergang ohne Hunde. Wir sprachen über den Alltag, über die Hunde und schließlich auch über ihr eigenes Leben. Fast nebenbei erzählte sie mir, dass sie eine schwere Operation gehabt hatte. Sie habe seitdem körperlich und seelisch viel Kraft verloren. In diesem Moment fügte sich das letzte Puzzleteil ein. Denn genau zu dieser Zeit hatten auch die Veränderungen der Dogge begonnen.

Nun stellte sich nicht mehr die Frage:
Warum greift die Dogge andere Hunde an und reagiert auf bestimmte Menschen?
Sondern:
Was versucht sie mit ihrem Verhalten zu erreichen?

Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mein Eindruck. Immer dann, wenn Unruhe entstand, wenn Aufregung ins Haus kam oder Spannungen zwischen den Hunden auftraten, griff die Dogge ein. Nicht wahllos. Nicht unkontrolliert. Sondern immer dann, wenn aus ihrer Sicht die Harmonie verloren ging. Ich erklärte der Familie meine Beobachtung. Anstatt die Dogge weiter als Problem zu betrachten, beschlossen wir, den Alltag zu verändern. Mehr Struktur. Mehr Gelassenheit. Das Wichtigste aber: Der Mensch musste wieder körperlich und seelisch zu Kräften kommen.

Eine Woche später erhielt ich eine Nachricht. Die Situation hatte sich deutlich entspannt. Nicht, weil die Dogge Maßregelungen oder Strafen bekam. Sondern, weil ihre Menschen begonnen hatten, ihre Sichtweise zu verändern. Das machte es für die Dogge wieder möglich entspannen zu können.

Verhalten entsteht selten ohne Zusammenhang. Manchmal fehlt nur ein einziges Puzzleteil, damit das ganze Bild verständlich wird.