In der Hündin war deutlich der Herdenschutzhund zu erkennen. Diese Hunde wurden über viele Generationen dafür gezüchtet, selbstständig Situationen einzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen. Nicht, weil sie ihre Menschen kontrollieren möchten, sondern weil ihre ursprüngliche Aufgabe darin bestand, Gefahren frühzeitig zu erkennen und ihre Gruppe zu schützen.
Für mich sah es nicht danach aus, als wolle sie andere Hunde beherrschen. Es wirkte vielmehr so, als versuche eine noch sehr junge, unerfahrene Hündin, eine eskalierende Situation irgendwie zu unterbrechen, weil kein Mensch eingriff. Das war ganz klar ihre Motivation und aus ihrer Sicht hatte sie richtig entschieden. Ein einzelner Hund wurde von anderen gejagt. Sie versuchte mit ihren Möglichkeiten einen möglichen Kampf zwischen den Hunden, der schnell entstehen kann, zu verhindern.
Je länger ich sie beobachtete, desto klarer wurde mein Eindruck.
Diese Hündin lebte unter enormem Druck. Sie wollte alles richtig machen. Sie kontrollierte ständig ihr eigenes Verhalten. Sie schien kaum noch Vertrauen in ihre eigenen Entscheidungen zu haben.
Im Gespräch mit ihren Menschen wurde nach und nach deutlich, wie viel Perfektion von ihr erwartet worden war. Fehler wurden korrigiert, unerwünschtes Verhalten bestraft und Gehorsam stand häufig im Mittelpunkt des Trainings. Dabei wurde etwas übersehen. Ein Herdenschutzhund arbeitet nicht gut unter ständigem Druck. Er arbeitet am besten in einer vertrauensvollen Kooperation. Diese Hunde nehmen Stimmungen unglaublich fein wahr. Sie brauchen Orientierung – aber ebenso Menschen, die ihre Eigenständigkeit respektieren und sie nicht ständig anschreien.
Mir gegenüber war die Hündin zunächst vorsichtig. Doch sie blieb freundlich und respektvoll. Deshalb begann unser gemeinsamer Weg nicht mit strengeren Regeln. Sondern damit, den Druck aus ihrem Alltag zu nehmen. Sie musste nicht mehr perfekt sein. Sie musste sich nicht ständig selbst kontrollieren. Sie durfte Fehler machen. Sie durfte durchatmen. Mit der Zeit begann sie, sich zu entspannen. Ihre Bewegungen wurden weicher. Ihr Blick wurde ruhiger. Sie musste ihre Menschen nicht mehr ständig fragen, ob alles richtig war. Sie begann wieder, mit ihnen zusammenzuarbeiten – nicht aus Angst vor Fehlern, sondern aus Vertrauen.
Besonders berührt hat mich ein Video aus ihrer Welpenzeit. Dort sah ich eine fröhliche, unbeschwerte Hündin. Sie sprang voller Lebensfreude vor der Kamera herum, suchte die Nähe der Menschen und genoss jede Berührung. Das Video zeigte, wer und wie sie eigentlich war. So viel Lebensfreude steckte in ihr, die sie mit der Zeit verloren hatte. Aus einem fröhlichen Welpen wurde ein Hund voller Unsicherheit. Druck, Strafen und viele Missverständnisse hatten sie verändert. Heute darf sie wieder lachen und ihr und ihren Menschen geht es wieder gut. Diese Hündin war nie dominant. Sie wurde missverstanden.